Was eine Blockchain ist und wie sie funktioniert, haben wir im ersten Teil dieses Artikels bereits ausführlich besprochen. Nun stellt sich die Frage: Welche Potenziale birgt die Technologie für den Gesundheitsmarkt? Aber genauso: Welche Risiken? Und wie ausgereift ist die Blockchain-Technologie eigentlich und wo kommt sie bisher in der Praxis zum Einsatz?

 

Blockchain ist nicht Bitcoin – sie ist das dahinterliegende System

Zunächst muss ein wenig Klarheit geschaffen werden. Ein Fehler, der oft gemacht wird: Blockchain und Bitcoin wurden zwar gemeinsam entwickelt, sind jedoch zwei ganz unterschiedliche Dinge. Bitcoin ist eine Währung, eine digitale Kryptowährung, um genau zu sein. Und die bringt alle Risiken mit sich, die andere Formen des Investments und des Geldes auch mit sich bringen. Die Blockchain-Technologie jedoch ist das System dahinter. Und dieses System kann weit mehr als nur mit Währungen handeln. Zwar wird die Blockchain bisher zum größten Teil im Finanzsektor eingesetzt, aber das heißt nicht, dass sie für andere Branchen zukünftig uninteressant ist. Im Gegenteil. Im Zeitalter der digitalen Verwaltung, wie Estland sie beispielsweise schon hat (siehe auch unseren Artikel dazu), birgt eine dezentrale und betrugssichere Technologie für Datenaustausch und Transaktionen unglaubliche Potenziale. Daher wird bereits heute in den ersten Städten ein Blockchain-Passport eingeführt. Vorreiter ist hier die Schweiz. Aber auch Dubai hat große Pläne mit der Blockchain. Die Metropole will die erste komplett über Blockchain abgewickelte Regierung schaffen.

 

Was sind die Vorteile einer Blockchain?

Durch die dezentrale Organisation ist eine Blockchain sehr transparent. Jede einzelne Bewegung und Handlung wird festgehalten und kann somit überprüft und eingesehen werden. Und zwar für immer. Eine unbefugte Handlung wie ein Diebstahl kann also überhaupt nicht unbemerkt bleiben, was die Blockchain sicher gegen Korruption und Betrug macht. Zumindest lautet so die Theorie. Tatsächlich gab es in der Vergangenheit bereits Fälle des Betrugs und Diebstahls innerhalb einer Blockchain. Die Verfolgung fällt zwar leichter, da jeder Schritt aufgezeichnet ist, die Anonymität der Teilnehmenden macht es jedoch nicht völlig unmöglich, eine Blockchain zu täuschen.
Ein weiterer Vorteil ist, dass es keinen Chef gibt. Eine Blockchain funktioniert nach Mehrheitsprinzip und ist daher oft fairer als herkömmliche Methoden. Die Kontrolle übernehmen hierbei alle teilnehmenden Parteien. Das Ganze funktioniert also wie eine Art Nachbarschaftswache. Wenn alle hinsehen und mitentscheiden, regiert das Mehrheitsgesetz und Einbrecher werden schnell gefasst.

 

Blockchain in der Gesundheitsbranche

Als größtes Potenzial wird natürlich die digitale Krankenakte gehandelt. Eine Blockchain macht es leicht, medizinische und andere Patientendaten chronologisch und sicher in der Kette – also an einem Ort – zu verankern. Das Problem des Verlusts bestimmter Daten wäre damit passé, ebenso würden Facharzt-Wechsel (beispielsweise bei einem Umzug in ein anderes Bundesland) vereinfacht und Medikamentenallergien würden schneller sichtbar, die Gefahr von wechselwirkenden oder für den Patienten gefährlichen Medikamenten wäre also gebannt.

 

Die digitale Krankenakte durch Blockchain-Technologie

Hierzu gibt es sogar bereits erste Pilotprojekte. Ekblaw et al. präsentierten in einem Whitepaper MedRec, ein System zur Verwaltung von digitalen Krankenakten, basierend auf einer Blockchain. Und das Beste daran: Der Patient behält die volle Kontrolle über die Herausgabe seiner Daten. Das Besondere an MedRec: Die Daten werden hier nicht in der Blockchain selbst gespeichert, sondern bleiben bei den Kliniken und Ärzten. Die Blockchain funktioniert hier wie ein Inhaltsverzeichnis, das chronologisch auf die Daten verweist.

 

Identitätsnachweis durch Blockchain

Die Speicherung personenbezogener Daten und die Einsicht in diese nutzt jedoch wenig, wenn man nicht weiß, welcher Patient da vor einem steht. Deswegen ist auch der Identitätscheck ein wichtiger Bestandteil in der Medizin. Hier helfen Accenture und Microsoft mit ihrem Projekt ID2020, das ebenfalls auf der Blockchain-Technologie beruht und eine Art digitale staatliche Ausweiskontrolle ist.

 

Produktkontrolle von Medikamenten

Fälschungen und falsche Lagerung von Medikamenten können weitreichende gesundheitliche Folgen für Patienten haben. Mithilfe der Blockchain-Technologie können Medikamente bis ins Detail miteinander verglichen werden, um etwaige Fälschungen oder Unterschiede festzustellen. Durch die Daten, die haargenau in der Kette festgehalten werden, kann genau kontrolliert werden, an welcher Stelle das Medikament von der Norm abweicht und unter Umständen aus dem Verkehr gezogen werden muss.

 

Blockchain in der Forschung

Auch in der Forschung kann die Transparenz und Unabhängigkeit der Blockchain genutzt werden, um beispielsweise bestehende Forschungsergebnisse zu bestätigen und transparenter für alle zugänglich zu machen.

 

Ist die Blockchain bereits vollkommen in unserer Realität angekommen?

Nein. Und das ist sowohl eine gute als auch eine schlechte Nachricht. Das Gute daran: Wer sich nun auf Blockchain einlässt, kann die Zukunft der medizinischen Branche, und nicht nur dieser, mitgestalten. Die schlechte Nachricht: So weit die Theorie auch ist, noch stehen der Entfaltung der Blockchain-Technologie Hürden im Weg. Die völlige Transparenz kann auch gefährlich werden und auch wenn jeder Einsicht in jeden Schritt hat, wird nicht offenbar, welche Person hinter der jeweiligen Bewegung steht. Ein Hacker könnte also auch innerhalb einer Blockchain Schaden anrichten. Dennoch birgt die Blockchain-Technologie Potenziale, die bislang noch kaum ausgeschöpft sind und innerhalb der nächsten Jahre große Veränderungen mit sich bringen werden. Als Apotheker lohnt es sich also schon heute, sich mit dem Thema Blockchain und der digitalen Krankenakte vertraut zu machen, um in naher Zukunft, wenn es dann so weit ist, seinen Kunden als echter Experte begegnen zu können.