Estland hat sie. Die digitale Krankenakte und auch sonst alles, was irgendwie digital ist. Ob in der Gesundheitsbranche oder in der allgemeinen Verwaltung: Estland ist Deutschland um einiges voraus. 19 Indexpunkte im EU-Ranking DESI (The Digital Economy and Society Index), um genau zu sein. Estland führt hier auf Platz 1, während Deutschland nicht nur auf Platz 20 hockt – es hat sich im Vergleich zum Vorjahr auch noch verschlechtert (vorher Platz 18).
Auch das Thema Gesundheit und Digitalisierung in der Gesundheitsbranche zeigt auf, welchen Vorsprung Estland im Vergleich zu Deutschland hat.
Aber wieso tut sich Deutschland eigentlich so schwer mit Dingen wie der digitalen Krankenakte?

Die digitale Krankenakte in Deutschland und ihre Geschichte

 

Schließlich war sie doch schon so lange geplant. Seit Jahren wird davon gesprochen. Mit der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte vor über 10 Jahren schien der erste Schritt gemacht worden zu sein. Doch noch heute ähneln die Aussagen von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe den Aussagen seiner Vorgängerin Ulla Schmidt, die schon 2006 sagte, es würden mehr Menschen an falschen Medikamenten und deren Wechselwirkungen sterben als im Straßenverkehr. Gröhe wiederholte ebendiese Aussage gute 10 Jahre später unabsichtlich und zeigte damit mehr als deutlich, dass sich der Informationsfluss kaum verbessert hat. Dies sollte eigentlich – unter anderem – mit der digitalen Krankenakte anders werden. Verschriebene Medikamente, Behandlungsdaten, Anamnese, auftretende Allergien und weitere Gesundheitsdaten sollten hier auf einer Datenbank sektor- und fallübergreifend sowie landesweit einheitlich gespeichert werden.
Ähnlich langsam verhält es sich mit der generellen digitalen Vernetzung, die die elektronische Gesundheitskarte mit sich bringen sollte.
Der durchschlagende Erfolg blieb jedoch bislang aus. Es blieb bei regionalen Pilot- und Modellversuchen der digitalen Krankenakte (auch elektronische Patientenakte oder elektronische Gesundheitsakte, kurz ePA oder eGA) in Deutschland.

 

Was war die Ursache für den Misserfolg?

 

Zunächst einmal stellten sich Mediziner und medizinische Einrichtungen quer. Aus Angst vor Datenklau und eigenem fehlendem Know-how wurde die Idee der Digital Health boykottiert.
Dennoch kam das E-Health-Gesetz, und zwar mit einem optimistischen Fahrplan bis Ende 2018. Heute, rund 1 Jahr vor Ablauf dieser Frist, ist die Bilanz jedoch so arm, dass Stefan Bales vom Bundesministerium für Gesundheit auf der diesjährigen Fachtagung „eHealth.NRW – Das digitale Gesundheitswesen“ ein E-Health-Gesetz Teil II ankündigte. Dies solle noch in der nächsten Legislaturperiode nicht nur die digitale Krankenakte endlich Realität werden lassen, sondern auch andere Projekte wie die Telematikinfrastruktur (TI), die es ermöglichen soll, das Versichertenstammdatenmanagement (VSDM) zu verbessern, sowie endlich einen elektronischen Medikationsplan und Notfalldatenmanagement (NFDM) in Deutschland einzuführen.
Trotz wenig begeisterten Medizinpersonals scheint also die Politik nun zu handeln. Was davon bis Ende 2018 umgesetzt wird, bleibt abzuwarten.

 

Was Estland kann, kann Deutschland schon lange – oder?

 

Die Frage bleibt bestehen: Warum dauert es in Deutschland so lange, die digitale Transformation im Gesundheitswesen wirklich auf den Weg zu bringen? Haben die Esten denn keine Angst vor Datenklau? Rein wirtschaftlich ist Deutschland stärker als Estland, warum also konnten die Esten Deutschland in den letzten Jahren so deutlich abhängen?

 

Estland ist agiler und vernetzter

 

Wie auch ein Start-up schneller digital werden kann, kann es auch ein kleines Land. Deutschland mit seinem Föderalismus gleicht da eher einem großen Konzern. Und dieser hat es schwer, wenn es darum geht, mal eben alles zu ändern.
Estland, auch E-Estonia genannt, stand 1991 vor einem Neuanfang. Die damals sehr junge Regierung erkannte die Chance und investierte von vornherein in eine digitale und vor allem dezentrale Entwicklung einer neuen Infrastruktur. Diese besteht heute aus mehr als 900 verbundenen Netzwerken. Die dadurch entstehende Agilität der auf der Blockchain-Technologie basierenden Infrastruktur X-Road ermöglicht eine große Flexibilität und kann auf Neues sehr schnell reagieren. Die Digitalisierung konnte sich hier voll entwickeln. Seit 1999 arbeitet das estnische Kabinett papierlos. Für Deutschland, das bereits eine funktionierende und viel weniger digitale Infrastruktur hat, hieße das ein Mehr an Aufwand und Risiko. Bestehendes müsste verändert werden, und das ist bei einer wirtschaftlichen und physischen Größe wie jener Deutschlands eben gar nicht so einfach, wie auch Merkel bei ihrem Tallinn-Besuch im August 2016 zugab.

 

Das Vertrauen der Bevölkerung

 

Noch einen weiteren wichtigen Punkt gibt es. Die Bevölkerung muss eine digitale Transformation auch wollen. Als es um die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte und der ePA ging, stellten sich medizinische Einrichtungen quer. Die Bevölkerung Estlands dagegen ist stolz darauf, einem digitalen Staat anzugehören.
Das Vertrauen auf X-Road und die damit verbundene Datensicherheit ist in Estland enorm. Auch politische Wahlen werden inzwischen digital durchgeführt und dank der Transparenz der Blockchain-Technologie können Zwischenfälle wie Datenklau oder Korruption schnellstens nachverfolgt werden. Die estländische Bevölkerung weiß das und langsam wendet sich auch Deutschland der Digitalisierung zu.
Die Politiker scheinen dies erkannt zu haben und sprechen von einem E-Health-Gesetz 2.0.
Umfragen ergeben, dass die Bevölkerung die digitale Gesundheitsakte wünscht. Erstaunlicherweise ist dies vor allem in der Bevölkerungsschicht 65+ der Fall, so fand eine Umfrage der AOK in Zusammenarbeit mit YouGov heraus, dass sich 82% der Befragten die Speicherung ihrer medizinischen Daten wünschen, bei den über 65-Jährigen jedoch waren es 87%.

 

Ein Ausblick?

 

Die Bevölkerung hat also gesprochen und die Politik reagiert. Bleibt nur noch abzuwarten, ob die Gesundheitsbranche mit allen medizinischen Einrichtungen und dem entsprechenden Fachpersonal diese Veränderung in der Bevölkerung endlich wahrnimmt und sich den Neuheiten öffnet.